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Mediation: Konflikte professionell schlichten

Inhalte

Tag 1: Haltung, Phasenmodell und Basistechniken

  • 1. Mediation verstehen: Wann mediieren, wann nicht?
    • Was Mediation ist - und was nicht: MediationSchiedsverfahren (Schiedsrichter entscheidet),Schlichtung (Schlichter macht Vorschlag),Coaching (fokussiert auf eine Person),Therapie (bearbeitet psychische Themen). Mediation = die Konfliktparteien erarbeiten selbst eine Lösung, der Mediator steuert nur den Prozess.
    • Wann Mediation das richtige Verfahren ist: Beide Parteien wollen eine Lösung (oder können überzeugt werden). Es gibt eine zukünftige Beziehung, die es wert ist, erhalten zu werden (Kolleginnen, Abteilungen, Kunden-Lieferant). Der Konflikt ist nicht rein sachlich lösbar - es geht um Interessen, Bedürfnisse, verletzte Gefühle.
    • Wann Mediation nicht funktioniert: Machtgefälle, das nicht ausgeglichen werden kann. Gewalt oder Drohung. Eine Partei hat kein Interesse an einer Lösung. Der Konflikt ist eskaliert jenseits der Stufen 1-6 (nach Glasl - ab Stufe 7 ist Mediation nicht mehr ausreichend).
    • Eskalationsmodell nach Friedrich Glasl: 9 Stufen von Verhärtung" bis gemeinsam in den Abgrund". Mediation wirkt auf den Stufen 2-5. Darunter reicht ein Gespräch, darüber braucht es Macht-Intervention oder gerichtliche Klärung.
    • Rechtlicher Rahmen: Mediationsgesetz (MediationsG) seit 2012 in Deutschland. Wer darf sich Mediator" nennen? Was ist ein zertifizierter Mediator"? Innerbetriebliche vs. externe Mediation. Vertraulichkeit und Freiwilligkeit als Grundprinzipien.

  • 2. Die Mediator-Haltung: Allparteilichkeit, nicht Neutralität
    • Allparteilichkeit vs. Neutralität: Neutral = unbeteiligt, distanziert. Allparteilich = gleichermaßen für alle Parteien engagiert. Der Mediator versteht beide Seiten aktiv, ohne einer zuzustimmen. Allparteilichkeit ist die schwierigste Kompetenz - sie muss geübt, nicht nur verstanden werden.
    • Prozessverantwortung vs. Inhaltsverantwortung: Der Mediator verantwortete den Prozess (Ablauf, Struktur, Regeln, Fairness). Die Parteien verantworten den Inhalt (ihre Interessen, ihre Lösung, ihre Vereinbarung). Der Mediator macht keine inhaltlichen Vorschläge - auch wenn er die richtige" Lösung zu kennen glaubt.
    • Innere Haltung überprüfen: Wann kippt Allparteilichkeit? Wenn der Mediator eine Partei sympathischer findet, wenn eine Position der eigenen Meinung entspricht, wenn eine Partei unvernünftig" erscheint. Strategien zur Selbstreflexion und Selbstkorrektur.
    • Praxis-Übung: Kurzübung zu Allparteilichkeit - zwei Teilnehmende schildern gegensätzliche Positionen, der Mediator fasst beide Sichtweisen so zusammen, dass sich jede Partei verstanden fühlt. Feedback: Hat sich die Allparteilichkeit echt angefühlt?

  • 3. Das 5-Phasen-Modell der Mediation
    • Phase 1 - Eröffnung und Arbeitsbündnis: Begrüßung, Rolle des Mediators erklären, Verfahrensregeln vereinbaren (ausreden lassen, keine Beleidigungen, Vertraulichkeit), Freiwilligkeit bestätigen, Zustimmung der Parteien einholen. Die Eröffnung bestimmt den Ton der gesamten Mediation.
    • Phase 2 - Themensammlung: Jede Partei schildert ihre Sicht - ohne Unterbrechung. Der Mediator hört zu, spiegelt, fasst zusammen. Ergebnis: eine gemeinsame Themenliste (nicht Positionen, sondern Themen: Arbeitsverteilung", Kommunikation", Anerkennung"). Reihenfolge festlegen.
    • Phase 3 - Interessenklärung (die Kernphase): Hinter jeder Position steckt ein Interesse. Position: Ich will Homeoffice." Interesse: Ich brauche konzentrierte Arbeitszeit ohne Unterbrechung." Der Mediator fragt: Was ist Ihnen dabei wichtig? Was brauchen Sie? Worum geht es Ihnen eigentlich?" Wenn beide Seiten ihre Interessen offenlegen, entsteht oft ein überraschendes Maß an Gemeinsamkeit.
    • Phase 4 - Optionenentwicklung: Kreative Lösungssuche - Brainstorming ohne Bewertung. Welche Möglichkeiten gibt es, beide Interessen zu erfüllen?" Quantität vor Qualität. Erst sammeln, dann bewerten. Der Mediator fördert Kreativität und verhindert vorschnelle Bewertung.
    • Phase 5 - Vereinbarung: Die Parteien wählen gemeinsam die beste(n) Option(en), formulieren eine konkrete, schriftliche Vereinbarung (wer, was, bis wann), vereinbaren einen Überprüfungstermin. Die Vereinbarung ist kein Vertrag, aber ein verbindliches Commitment.
    • Praxis-Übung: Vollständige Demonstration einer Mediation (Trainer als Mediator, zwei Teilnehmende als Parteien) - alle 5 Phasen am Stück. Anschließend Reflexion: Was hat funktioniert? Wo war es schwierig?

  • 4. Basistechniken: Zuhören, Spiegeln, Reframing
    • Aktives Zuhören: Nicht nur hören, was gesagt wird - sondern zeigen, dass es angekommen ist. Paraphrasieren (in eigenen Worten wiedergeben), Verbalisieren emotionaler Inhalte (Das hat Sie verletzt"), Zusammenfassen. Im Mediationskontext: immer beide Seiten gleichermaßen.
    • Spiegeln: Wörtliches oder leicht angepasstes Zurückgeben des Gesagten - verlangsamt das Gespräch, gibt dem Sprechenden das Gefühl gehört zu werden, erlaubt Korrektur. Wenn ich Sie richtig verstehe, dann..."
    • Reframing: Eine Aussage so umformulieren, dass sie den negativen Rahmen verliert, ohne den Inhalt zu verfälschen. Er ignoriert mich immer" -> Ihnen ist es wichtig, gehört und einbezogen zu werden." Reframing macht aus Vorwürfen Bedürfnisse - der Schlüssel zu Phase 3.
    • Perspektivwechsel anregen: Wie denken Sie, sieht die Situation aus Sicht Ihrer Kollegin?" Nicht erzwingen, aber einladen. Oft der Moment, in dem Verständnis entsteht.
    • Umgang mit Emotionen: Emotionen nicht unterdrücken, sondern benennen und einordnen. Ich sehe, dass Sie aufgebracht sind. Das ist in Ordnung." Emotionen sind Hinweise auf verletzte Interessen - sie gehören in die Mediation, nicht vor die Tür.
    • Praxis-Übung: Technik-Training in Dreiergruppen (Mediator, Partei A, Partei B) - kurze Sequenzen: 5 Min aktives Zuhören + Feedback, 5 Min Reframing + Feedback, 5 Min Perspektivwechsel + Feedback. Rotation der Rollen.

Tag 2: Übungsmediationen und innerbetriebliche Anwendung
  • 5. Fortgeschrittene Techniken: Caucus, Doppeln, Realitätscheck
    • Caucus (Einzelgespräch): Der Mediator spricht vertraulich mit einer Partei allein - wenn eine Partei blockiert, wenn Emotionen zu hoch sind, wenn es Informationen gibt, die nicht vor der anderen Partei gesagt werden können. Regeln: gleiche Zeit für beide, Vertraulichkeit, was darf in die gemeinsame Sitzung übernommen werden.
    • Doppeln: Der Mediator formuliert stellvertretend, was eine Partei möglicherweise fühlt, aber nicht ausspricht - Könnte es sein, dass Sie sich nicht respektiert fühlen, wenn Entscheidungen ohne Ihre Einbindung getroffen werden?" Die Partei bestätigt, korrigiert oder ergänzt. Öffnet Türen zu unausgesprochenen Interessen.
    • Realitätscheck: In Phase 4 oder 5 prüfen: Ist die Lösung realistisch? Umsetzbar? Nachhaltig? Was passiert, wenn die Vereinbarung nicht funktioniert?" Nicht um zu entmutigen, sondern um die Vereinbarung robust zu machen.
    • Umgang mit Machtungleichgewicht: Führungskraft vs. Mitarbeitende, Großkunde vs. Lieferant. Der Mediator muss das Ungleichgewicht nicht aufheben (das kann er nicht), aber die schwächere Partei stärken: mehr Redezeit, gezieltere Fragen, Caucus.
    • Wenn Mediation scheitert: Nicht jede Mediation endet mit Vereinbarung - und das ist kein Versagen. Wann abbrechen? Wie den Prozess würdig beenden? Was sind die Alternativen (Eskalation an nächste Instanz, Coaching, Versetzung, Trennung)?

  • 6. Innerbetriebliche Mediation: Typische Konflikte im Arbeitsumfeld
    • Konflikte zwischen Kolleginnen: Zuständigkeitskonflikte, Kommunikationsprobleme, Arbeitsstile, Persönlichkeitskonflikte. Häufigster Fall in der innerbetrieblichen Mediation.
    • Konflikte zwischen Führungskraft und Teammitglied: Leistungserwartungen, Führungsstil, Feedback-Kultur, Micro-Management vs. Laisser-faire. Besonderes Machtgefälle - der Mediator muss aktiv ausgleichen.
    • Konflikte zwischen Teams oder Abteilungen: IT vs. Fachbereich, Entwicklung vs. Operations, Vertrieb vs. Produktion. Oft strukturelle Konflikte (konkurrierende Ziele, unklare Schnittstellen) mit persönlicher Eskalation. Mediation löst die persönliche Ebene - die strukturelle muss das Management adressieren.
    • Konflikte in agilen Teams: PO vs. Entwicklungsteam, Teammitglied verweigert Retrospektive-Ergebnisse, Konflikte um Technologie-Entscheidungen. Besonderheit: flache Hierarchien, hohe Autonomie - Mediation als Alternative zur Scrum-Master-Moderation.
    • Rolle als interner Mediator: Vorteile (kennt die Organisation, verfügbar, kostengünstig) vs. Risiken (Befangenheit, Doppelrolle, Vertraulichkeitskonflikte). Wann intern mediieren, wann externe Mediation empfehlen?

  • 7. Übungsmediationen: Zwei vollständige Durchgänge
  • Übungsmediation 1 - Geführt (45 Min):
    • Fallbeschreibung: Zwei Teammitglieder im Konflikt über Aufgabenverteilung und Anerkennung (vorbereitetes Szenario mit Rollenkarten).
    • Teilnehmende in Dreiergruppen: ein Mediator, zwei Parteien.
    • Alle 5 Phasen durchlaufen - der Trainer beobachtet und gibt nach jeder Phase kurzes Feedback.
    • Schwerpunkt: Phasen sauber trennen, Allparteilichkeit halten, Reframing anwenden.

  • Übungsmediation 2 - Selbständig (45 Min):
    • Komplexerer Fall: Führungskraft und Teammitglied im Konflikt über Homeoffice-Regelung und Vertrauen (Rollenkarten mit verdeckten Interessen).
    • Teilnehmende mediieren selbständig - der Trainer greift nur bei Bedarf ein.
    • Schwerpunkt: Interessenklärung (Phase 3), Umgang mit Emotionen, Optionenentwicklung.
    • Rotation: Jede teilnehmende Person mediiert mindestens einmal.

  • Nachbesprechung (30 Min):
    • Was hat funktioniert? Wo war es schwierig?
    • Typische Anfängerfehler: zu schnell in die Lösungssuche springen (Phase 3 überspringen), Partei ergreifen, eigene Vorschläge machen, Emotionen scheuen.
    • Individuelle Entwicklungshinweise: Ihre Zusammenfassungen waren stark, aber achten Sie auf die Balance der Redezeit."

  • 8. Transfer: Mediation in die eigene Praxis integrieren
    • Wann mediativ handeln, ohne formelle Mediation? Mediative Haltung im Alltag: in Meetings Allparteilichkeit zeigen, Interessen hinter Positionen erfragen, Reframing einsetzen. Nicht jeder Konflikt braucht ein formelles Verfahren - aber die Techniken wirken auch informell.
    • Interne Mediationsstruktur aufbauen: Pool interner Mediatoren aufbauen (Freiwillige aus verschiedenen Abteilungen), Spielregeln definieren (wann intern, wann extern?), Vertraulichkeit sicherstellen, Budget für externe Mediation bereitstellen.
    • Persönliches Entwicklungsprogramm: Dieses Seminar ist ein Einstieg. Wer zertifizierter Mediator werden möchte: 120 Zeitstunden Ausbildung + Supervision ( 5 MediationsG). Literaturempfehlungen und Ausbildungsinstitute.
    • Mediation und KI: ChatGPT/Claude als Vorbereitungs-Sparring: Ich habe folgenden Konflikt. Welche Interessen könnten hinter den Positionen stecken? Welche Fragen sollte ich als Mediator stellen?" KI ersetzt keine Mediation - aber sie kann bei der Vorbereitung helfen. Brücke zu KI-gestützte Strategien zur Konfliktlösung" (S3638, 3T).

LernzieleJede teilnehmende Person verlässt das Seminar mit der Erfahrung aus mindestens zwei Übungsmediationen als Mediator, dem 5-Phasen-Modell als verinnerlichte Struktur, einem Repertoire an Mediationstechniken (Reframing, Spiegeln, Caucus, Doppeln), einer Einschätzung der eigenen Stärken und Entwicklungsfelder als Mediator und einem Werkzeugkasten für mediatives Handeln im Berufsalltag - auch ohne formelle Mediation.Zielgruppen
  • Führungskräfte und Teamleiter: Die Konflikte zwischen Mitarbeitenden, Teams oder Abteilungen schlichten - statt sie auszusitzen oder zu entscheiden.
  • HR-Verantwortliche und Personalentwickler: Die Mediation als Instrument der Konfliktbearbeitung in der Organisation einführen und selbst als interne Mediatorin oder interner Mediator agieren.
  • Projekt- und Programmleiter: Die Konflikte zwischen Stakeholdern, Fachbereichen und Lieferanten strukturiert auflösen, ohne Eskalation an die Geschäftsleitung.
  • Agile Coaches und Scrum Master: Die Team-Konflikte über das übliche Retrospektiven-Format hinaus bearbeiten möchten.
  • Betriebsräte und Vertrauenspersonen: Die als Vermittler zwischen BelegAn GFU sendenschaft und Management agieren.

Voraussetzungen: Keine Mediations-Vorkenntnisse. Grundlegende Kommunikationskompetenz im Berufsalltag. Bereitschaft zur aktiven Teilnahme an Rollenspielen und Übungsmediationen.Abgrenzung: Dieses Seminar vermittelt Mediation als Methode - die Rolle, das Verfahren und die Techniken der Vermittlung. Es ist keine Mediationsausbildung im Sinne des Mediationsgesetzes ( 5 MediationsG: 120 Zeitstunden + Supervision) - aber ein fundierter Einstieg, der befähigt, innerbetriebliche Konflikte mediativ zu begleiten. Wer eigene Konflikte besser bewältigen möchte, findet Konfliktmanagement und Kommunikation" (S2390, 1T) und Effektives Konfliktmanagement" (S3116, 3T). Wer Verhandlungstechniken vertiefen möchte, findet Harvard-Prinzipien Praxis-Workshop" (S3091, 1T).

Tag 1: Haltung, Phasenmodell und Basistechniken

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